Wem gehört IKEA? - Die Eigentümerstruktur des Möbelriesen erklärt

#Ratgeber #Unternehmen
Wem gehört IKEA? - Die Eigentümerstruktur des Möbelriesen erklärt

Wer bei IKEA eine Billy-Regal kauft, finanziert damit kein Familienimperium und keinen Börsenkurs. Das ist einer der seltsamsten Sätze in der Welt des globalen Einzelhandels - und gleichzeitig vollkommen wahr. IKEA gehört niemandem. Oder genauer gesagt: zwei Stiftungen, die sich selbst gehören. Was klingt wie eine philosophische Spitzfindigkeit, ist in Wirklichkeit eine der durchdachtesten Unternehmenskonstruktionen der Wirtschaftsgeschichte.

Die kurze Antwort lautet: Den operativen Betrieb - also die meisten IKEA-Filialen weltweit - kontrolliert die Stichting INGKA Foundation mit Sitz in den Niederlanden. Die Marke selbst, also das Logo, die Konzeptrechte und das Franchisesystem, liegt bei der Interogo Foundation in Liechtenstein. Beide Stiftungen wurden vom IKEA-Gründer Ingvar Kamprad aufgebaut, um das Unternehmen auf Dauer unabhängig zu halten.

Von Streichhölzern zum Weltkonzern - die Geschichte des Ingvar Kamprad

Ohne die Biografie des Gründers lässt sich die Eigentumsstruktur von IKEA kaum verstehen. Ingvar Kamprad wurde am 30. März 1926 in Småland, Schweden, geboren - einer Region, die sprichwörtlich für den Sparsamkeitssinn ihrer Bewohner steht. Als Kind verkaufte Kamprad Streichhölzer, Fische und Weihnachtskarten an Nachbarn. 1943, im Alter von 17 Jahren, gründete er das Unternehmen IKEA - der Name setzt sich aus seinen Initialen (I.K.) sowie dem Bauernhof Elmtaryd (E) und dem Dorf Agunnaryd (A) zusammen, in dem er aufwuchs.

Anfangs verkaufte Kamprad Alltagsgegenstände per Versandhandel. 1948 nahm er Möbel ins Sortiment auf, und der Erfolg war so durchschlagend, dass IKEA sich schon 1951 ausschließlich auf Einrichtungsgegenstände konzentrierte. Das erste Ausstellungshaus öffnete 1953 in Älmhult. Kamprads Idee war von Anfang an dieselbe: gutes Design für möglichst viele Menschen erschwinglich zu machen.

Als IKEA in den frühen 1980er Jahren zum internationalen Konzern wuchs, stand Kamprad vor einer unternehmerischen Grundsatzfrage: Wie schützt man ein Lebenswerk dauerhaft vor Übernahmen, Erbstreitigkeiten und dem Druck kurzfristiger Renditeziele? Seine Antwort war radikal - er transferierte das Eigentum an Stiftungen.

Die zwei Säulen: INGKA Foundation und Interogo Foundation

IKEA funktioniert heute über zwei getrennte, aber zusammenwirkende Strukturen.

Die Stichting INGKA Foundation mit Sitz in Leiden, Niederlande, ist die Eigentümerin der INGKA Holding B.V. und damit die Muttergesellschaft der gesamten IKEA-Filialwelt. Die INGKA Group betreibt laut dem offiziellen Geschäftsbericht rund 574 IKEA-Standorte in 31 Ländern und ist damit der mit Abstand größte IKEA-Franchisenehmer weltweit - sie macht rund 88 Prozent des gesamten IKEA-Umsatzes aus. Die INGKA Foundation hat nach eigenen Angaben keine Eigentümer und keine Begünstigten - sie gehört sich selbst.

Die Interogo Foundation mit Sitz in Vaduz, Liechtenstein, kontrolliert die Inter IKEA Group, zu der auch Inter IKEA Systems B.V. gehört - das Unternehmen, das die IKEA-Markenrechte besitzt und als Franchisegeber auftritt. Jedes IKEA-Geschäft weltweit zahlt drei Prozent seines Umsatzes als Franchisegebühr an Inter IKEA Systems. Die Interogo Foundation wurde 2013 strukturell von der Inter IKEA Foundation getrennt und fokussiert sich seitdem auf die Verwaltung finanzieller Reserven als Sicherheitspuffer für das Gesamtsystem.

Was ist mit der Familie Kamprad?

Ingvar Kamprad starb am 27. Januar 2018. Seine drei Söhne - Peter, Jonas und Mathias Kamprad - haben keinen direkten Eigentümeranspruch an IKEA. Die Struktur wurde bewusst so gebaut. Allerdings: Die Familie ist nicht völlig ohne Einfluss. Mathias Kamprad sitzt im Beirat der Inter IKEA Group und der Interogo Foundation, und die Statuten der Stichting INGKA Foundation erlauben es, dass bis zu zwei Familienmitglieder im fünfköpfigen Stiftungsvorstand vertreten sind.

Daneben kontrolliert die Kamprad-Familie die Ikano Group - einen eigenständigen Mischkonzern, der in Immobilien, Einzelhandel und Finanzdienstleistungen aktiv ist und nichts mit der IKEA-Eigentümerstruktur zu tun hat. Ikano ist sozusagen das separate Familienunternehmen.

Warum Stiftungen? Die Logik hinter der Konstruktion

Wer einmal verstanden hat, wie die Struktur funktioniert, erkennt die Eleganz der Konstruktion. Kamprad verfolgte damit mehrere Ziele gleichzeitig:

Langfristigkeit statt Quartalsdenken: Stiftungen unterliegen keinem Renditedruck durch Aktionäre. Die INGKA Group reinvestiert nach eigenen Angaben rund 85 Prozent des Nettogewinns direkt in das Unternehmen - statt Dividenden auszuschütten. Das erlaubt langfristige Planung über Generationen hinweg.

Schutz vor Übernahmen: Da keine Anteile an der Börse gehandelt werden, kann IKEA nicht durch einen feindlichen Übernahmeversuch aufgekauft werden. Das Unternehmen bleibt vollständig unter der Kontrolle seiner Stiftungsstruktur.

Erbschaftssteuern vermeiden: Eine direkte Weitergabe des Familienbetriebs an die Söhne hätte in Schweden erhebliche Erbschaftssteuern ausgelöst. Die Stiftungslösung umging das - ein Aspekt, der Kamprad in der Vergangenheit Kritik eingebracht hat.

Steuervorteile durch Standortwahl: Die Niederlande und Liechtenstein gelten als steuerlich vorteilhafte Standorte für Stiftungskonstruktionen. IKEA selbst betont, dass die operativen Gesellschaften regulär Körperschaftsteuer zahlen - die INGKA Group weist für das Geschäftsjahr 2024 Steuerzahlungen von 1,2 Milliarden Euro weltweit aus.

Wie groß ist IKEA heute?

Die Zahlen sprechen für sich. Im Geschäftsjahr 2024 (September 2023 bis August 2024) erzielte die INGKA Group laut eigenem Bericht einen Gesamtumsatz von 41,8 Milliarden Euro. In FY2025 wurden IKEA-Waren im Wert von 45,1 Milliarden Euro verkauft - das macht IKEA zum weltweit größten Möbelhändler mit einem Marktanteil von rund 7,5 Prozent am globalen Möbelmarkt. Weltweit betreibt IKEA heute über 500 Filialen in mehr als 60 Ländern und beschäftigt rund 170.000 Menschen.

Die Marke IKEA wurde 2024 auf einen Wert von rund 15,8 Milliarden US-Dollar geschätzt. Trotz der Komplexität der Eigentümerstruktur läuft das operative Geschäft über ganz normale Kapitalgesellschaften, die in ihren jeweiligen Ländern Steuern zahlen.

Fazit: Niemandes Eigentum - und trotzdem straff geführt

IKEA ist ein Sonderfall in der Welt der Großkonzerne. Kein Aktionär, kein Börsenkurs, kein privater Eigentümer - und trotzdem eines der profitabelsten und bekanntesten Unternehmen der Welt. Die Stiftungskonstruktion, die Ingvar Kamprad in den 1980er Jahren errichtete, hat ihr Ziel erreicht: Das Unternehmen ist unabhängig geblieben, wächst kontinuierlich und agiert langfristig - ohne die Hektik öffentlicher Märkte.

Ob das Modell als Vorbild taugt, ist eine andere Frage. Stiftungen dieser Art sind selten, weil sie Unternehmerfamilien den direkten Durchgriff auf ihr Lebenswerk entziehen. Kamprad hat diese Entscheidung bewusst getroffen. Seine drei Söhne haben das geerbt, was von dem Entschluss übrig blieb - Einfluss, aber kein Eigentum.

Mehr über die Eigentümerstrukturen bekannter Unternehmen gibt es in weiteren Artikeln auf MARKTaktuell. Wer sich für die größten deutschen Konzerne interessiert, findet in unseren Überblicken zu den größten Unternehmen in Hamburg einen guten Ausgangspunkt.

Titelbild: Czapp Árpád via Pexels · Lizenz: Pexels License